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Transat – Martinique

Nach dem Jahreswechsel reiste Henry aus Luzern an und am Abend verliess uns Isabel, um in die winterliche Schweiz zurück zu fliegen.

Schon bald starteten wir mit den Vorbereitungen für die Atlantiküberquerung: Verproviantierung, Wachplan, Sicherheitseinweisung, Funktionschecks und fleissiges Studieren des Wetterberichts beschäftigten uns.
Zudem gab es noch ein paar Baustellen zu schliessen: der Bumper am Heck brauchte einen neuen Anstrich, der Wellen-Alternator einen neuen Spannungsregler etc.
Der Einkauf mit Verstauen aller Nahrungsmittel nahm fast einen ganzen Tag in Anspruch. Fein säuberlich wurden die Portionen abgepackt, vakuumiert und in der Gefriertruhe verstaut. Früchte und Gemüse lagerten wir in Netzen. Der Reifegrad des Gemüses bestimmte den Menuplan.

Geduldig warteten wir das passende Wetterfenster ab, und am 9. Januar 2026 hiess es endlich “Leinen los”: der Start zu unserer Transat begann, etwa 2800sm nonstop lagen vor dem Bug. Es sollte eine unvergessliche Reise werden, jedoch total anders als wir uns das vorgestellt hatten.

Las Palmas lag hinter uns und bald wurde Gran Canaria immer kleiner, bis es schliesslich hinter dem Horizont verschwand. Schnell gewöhnten wir uns an den Wachrythmus und genossen den konstanten achterlichen Wind. Mit der Passatbesegelung, also Genua und Ballooner jeweils ausgebaumt, kamen wir gut und zügig voran.

Natürlich wollten wir auch Fische, genauer Goldmakrelen (Mahi Mahi) oder Thunfische fangen. Als Novizen im Fischen versprach dies ein ganz besonderer Challenge zu werden. Nur schon die Auswahl des richtigen Köders, die Schleppdistanz zum Schiff, abhängig von der Geschwindigkeit: alle Angaben mussten zuerst im Internet gesucht werden, was dank Starlink auch ohne Probleme möglich war.

Die Reise schien jedoch unter einem unglücklichen Stern zu stehen: nicht nur, dass wir einen Köder und Haken nach dem anderen verloren, auch das Wetter war uns nicht günstig gesinnt und der Defekt- und Bruchteufel schien ebenfalls mit an Bord zu sein.

In der Nacht frischte der Wind jeweils auf >30kn auf, war böig und drehend, wie man es sich sonst beim Passat nicht gewohnt ist. Dazu verfolgten uns die Rainsqualls mit bösartiger Hartnäckigkeit. Nach mehrmaliger nächtlicher Bergeaktion des Ballooners, war es dann soweit, dass der Steuerbord-Passatbaum brach, und unter den Rumpf gezogen wurde. Von dort war er nicht mehr an Bord zu kriegen und eine Tauchaktion auf dem offenen Atlantik bei diesem Seegang war zu riskant. Folglich reiste der Passatbaum – unter Wasser und ständig an den Rumpf hämmernd – ca. 1400sm bis in die Karibik mit. Bei diesem Bruch ging auch der zugehörige Jockey Pole über Bord, da bei dessen Befestigung am Mast gleich alle vier Nieten brachen. Und last but not least, schafften wir es, in der stockfinsteren Nacht, noch eine Leine der Passatbaum-Befestigung im Propeller einzufangen.

Diesem Pech folgte jedoch zwei Tage später am 17. Januar 2026, noch weit schlimmeres Unglück: durch den heftigen Seegang stürzte Henry, eine Stunde vor Ende seiner Morgenwache, unglücklich und brach sich dabei den Oberschenkelhals. Für diese Diagnose waren meine Tochter Nina und ihr Partner Andrin – beide von Beruf Rettungssanitäter – eine grosse Hilfe: das Assessment fand per Videocall (Starlink sein Dank!) statt, und die beiden waren sich mit ihrer Diagnose zu 99% sicher. Nun hatten wir eine veritable Notsituation an Bord: 1400sm vor dem nächsten möglichen Anlaufhafen, mitten auf dem Atlantik bei schwerem Wetter, mit einer Verletzung, welche schnell – durch eine Thrombose – lebensbedrohlich werden konnte. Es war klar, dass Henry von der S/Y AVENTURA abgeborgen werden musste. Also nahm ich mit dem MRCC Bremen Kontakt auf, um eine Abbergung in die Wege zu leiten. Das Problem wurde an das MRCC Dakar abgegeben, welches jedoch nicht kein geeignetes Schiff finden konnten. Eine Abbergung per Helikopter, auf die ich zuerst gehofft hatte, erwies sich als unmöglich: wir waren zu weit draussen auf dem Atlantik, als dass es ein Helikopter bis hierher und wieder zurück zu den Kapverden geschafft hätte.

Also ging das Problem wieder zurück zum MRCC Bremen, welches mich dann mit dem MRCC Punta Delgada verband. Dort erwartete mich ein sehr kompetenter Rettungsdienst, welcher – nach einem medizinischen Fern-Assessment mit einer Ärztin – eine sofortige Abbergung einleitete. Das MRCC Punta Delgada fand rasch ein Forschungsschiff, welches ca. 150sm nordwestlich von uns fuhr und leitete es zu uns um. Bald war ich in Kontakt mit dem Captain und wir besprachen, dass die Abbergung bei Tageslicht stattfinden sollte. Das Forschungsschiff stiess noch in der Nacht zu uns und begleitete S/Y AVENTURA in einer Seemeile Abstand.

Nach dem ersten Tageslicht des 18. Jabuar 2026 wurde die Abbergeaktion gestartet, welche höchst haarig, riskant und für Vater und Sohn sehr emotional ablief. Bei 25-30kn Wind setzte das Forschungschiff zuerst ein RIB ab, welches den Rettungssanitäter, eine weitere Person und entsprechende Rettungsmittel an Bord von S/Y AVENTURA brachte. Nur schon dieses Übersteigen der Rettungscrew war riskant und endete für den Rettungssanitäter beinahe im Wasser. Anschliessend wurde Henry untersucht und Ninas und Andrins Ferndiagnose bestätigt.

Was nun folgte, führte alle Beteiligten an ihre Grenzen. Es war klar, dass man Henry auf der Rettungsbahre nicht ins RIB brachte, weil der Höhenunterschied der Freiborde zu gross war. Also schickte das Forschungsschiff ein grösseres Rettungsboot, mit einer ähnlichen Grösse wie das Boot der Luzerner Wasserschutzpolizei. Die Freiborde waren ähnlich hoch und ein Transfer der Bahre mit Henry drauf eher machbar.

Jetzt ging es ans Eingemachte: Henry wurde ein starkes Schmerzmittel verabreicht, so dass wir ihn mit vereinten Kräften aus dem Salon heraus, den Niedergang hoch bringen, und schliesslich auf die Bahre schnallen konnten. Diese Übung bereite Henry arge Schmerzen, welche er jedoch tapfer erduldete. Ihm wurden auch noch eine Rettungsweste und ein Helm angezogen, und wir machten uns bereit, Henry ins Rettungsboot zu transferieren. Just in diesem Moment frischte es auf 35kn auf, und wir mussten abwarten. Diese Warterei war sehr nervzerrend und emotional. Es war allen klar, dass – bei einem Scheitern des Transfers – Henry mit der Bahre ins Meer stürzen, und dort trotz Rettungsweste sehr wahrscheinlich untergehen würde. Wir hatten nur einen Versuch und der musste einfach klappen. Das Forschungsschiff versuchte einige 100m vor uns, den Wellengang zu glätten, was möglicherweise auch gelang. Jedenfalls hatten wir diese Zone erreicht, immer noch mit 6-7kn Fahrt, und die Trage mit Henry drauf wurde, ich kann es nicht anders sagen, ins Rettungsboot hinüber geschossen. Die Landung auf dessen Boden war hart und sicher schmerzhaft, jedoch sicher besser als ein Sturz ins Meer. Rasch wurden noch das vorbereitete „Reisegepäck“ ins Rettungsboot hinübergereicht und schon war Henry auf dem Weg zum Forschungsschiff und einer guten medizinischen Versorgung.

Die Rettungsaktion hatte an S/Y AVENTURA einige Spuren hinterlassen. Dies war jedoch bloss Material und eine Sache für die Versicherung. Ich war heilfroh, dass die Bergungsaktion erfolgreich verlaufen ist, und mein Vater mit dem Forschungsschiff schnell unterwegs nach Trinidad ins Spital war. In der Schweiz waren unter der Federführung von Nina, Isabel und Rico für die Koordinierung mit der Unfallversicherung und mit der REGA zuständig.

Diese Transat war ein Vater/Sohn Projekt, Henrys letzte grosse Seereise, und der krönende Abschluss seiner Seglerzeit auf dem Meer. Dass diese in so einem Seenotfall enden würde, hätte sich vorher niemand vorstellen können. Ich bedauerte sehr, dass Henry die Karibik nicht segelnd auf der S/Y AVENTURA erreichte, und die Schönheit der Karibik erleben konnte. Trotzdem hatten wir beide ein gemeinsames Erlebnis, welches wir zeitlebens nicht mehr vergessen würden. Zum Glück ist die Abbergung gut ausgegangen.

Somit war ich nun alleine an Bord und für die nächsten 1400sm plötzlich Einhand unterwegs. Zuerst musste ich das soeben Erlebte mal verdauen, bevor ich mich um Weiteres Gedanken machen konnte.

Allzuviele Optionen hatte ich nicht, als nach Martinique durchzusegeln. Und zu hoffen, dass bis dorthin alles Material halten würde. Martinique ist der AMEL Stützpunkt in der Karibik, und ich hoffte, dort kompetente Fachkräfte mit entsprechendem Ersatzmaterial und AMEL Know How für die nötigen Reparaturen zu finden.

Das Wetter war weiterhin ein Challenge, böiger, drehender Wind, welcher jeweils eine Anpassung des Kurses oder der Segelstellung verlangte. Dazu kamen – vorwiegend nachts – Rainsqualls mit >30kn Wind, was nicht gerade schlaffördernd war. Auch tagsüber frischte der Wind immer wieder mal auf >30kn auf.

Am 22. Januar 2026 erreichte das Forschungsschiff Trinidad, und Henry konnte endlich ins Spital gebracht werden. Vorher, das Forschungsschiff war noch unterwegs, ging jedoch ein Theater um Henrys Einreise los: die Immigration wollte Garantien, dass die für den Transport und die Behandlung entstehenden Kosten wirklich gedeckt waren. Schliesslich kriegten wir, also Henrys persönliche Shore- und Offshore Crew, auch das hin, und er durfte in Trinidad einreisen. Bald erreichte er mit der Ambulanz das St. Claire Medical Center in Port of Spain und wurde von Dr. Toby untersucht. Die Röntgenbilder gaben die letzte Gewissheit, dass der Oberschenkelhals tatsächlich gebrochen war.

Eine Operation in Trinidad war keine Option, und so organisierten Nina und Isabel einen REGA Transport in die Schweiz, welcher für den 29. Januar 2026 geplant war. Somit musste Henry noch eine Woche in Trinidad ausharren, bis er endlich in die Schweiz zurückkehren konnte.

Während ich meinen Vater in Trinidad vom St. Claire Medical Center und von der Honorarkonsulin des EDA gut betreut wusste, und auch seine Rückkehr in die Schweiz aufgegleist war, segelte ich immer noch Einhand auf dem Atlantik in Richtung Martinique. Obwohl das Wetter langsam besser wurde, störten doch immer wieder die Rainsqualls, natürlich immer nachts, eine ruhige Fahrt und meinen Schlaf, was mit der Zeit ziemlich nervte. Der Radaralam weckte mich jeweils rechtzeitig, um die Segelfläche zu reduzieren und den Kurs anzupassen, bevor es wieder mit Böenspitzen von >40kn blies. Trotzdem kehrte eine gewisse Routine in den Tagesablauf ein und ich zählte die noch verbliebenen Meilen und Tage bis zum ersehnten Landfall in Martinique.

Wellentanz nonstop…

Am 27. Januar um 1355 fiel endlich der Anker auf der Reede vor St. Anne. 2902sm lagen hinter mir, welche in 18 Tagen gesegelt wurden. Was für eine Reise, welche ich mir in meinen kühnsten (Alb)Träumen nicht hätte vorstellen können. Immerhin war ich mit S/Y AVENTURA sicher in Martinique angekommen und es war beruhigend zu wissen, dass die REGA bereits in Trinidad angekommen war, um Henry bald in die Schweiz zu repatriieren. Die Honorarkonsulin vom EDA half beim Checkout im St. Claire Medical Center und begleitete Henry zum Flughafen. Am 29. Januar abends startete der REGA Jet mit Henry an Bord in Richtung Schweiz und landete am 30. Januar mittags in Zürich. Dort wurde Henry in eine Ambulanz von Schutz und Rettung umgeladen und, nach einer Odyssee um die halbe Welt, nach Luzern ins Spital gefahren. Was für ein Trip!

Für alle Beteiligten war diese Transat ein unvergessliches Erlebnis der etwas anderen Art. Und zum Glück ist alles soweit gut ausgegangen. Henry wird in der Schweiz operiert, und wir wünschen ihm eine rasche und gute Genesung.

Las Palmas – Martinique

Eine Antwort auf „Transat – Martinique“

Waow, was für ein Abenteuer ! Trotz hervorragender Vorbereitung ist Segeln kein ruhiger Fluss. Ich bin sehr froh, dass ihr beide letztlich gut und wohlbehalten angekommen seid.
Geniess jetzt die Karibik – wohlverdient, Roli, das Cocktail sieht lecker aus !
Wann hast du die Rücküberfahrt geplant?

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